Protest

Protest.

 

-1-

Mit dem Schwanengesang auf Grunge und New Wave hat sich Mitte der Neunziger Jahre eine allgemeine Protestmüdigkeit eingestellt. Das klingt erst mal provokant.

Haben wir denn keine Proteste?

Mitte der Neunziger?

Hallo?

Na gut. Die Wohlstandsweltverbesserer der europäisch anglobalamerikanisch nivelierten Mittelschichten proben den medialen Aufstand. Man zerwirft ein paar Fensterscheiben in Seattle oder Davos. Viele Jungkluge werden übel verdroschen, ein armer junger Mann erschossen, weil die böse italienische Polizei sich nicht an die Spielregeln hält, die man doch seit Wackersdorf und Gorleben, Frankfurt und Hannover mühsam ausverhandelt hat. Der Bundesaußenminister bekommt für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg ein paar Farbbeutel ab und weint. Toll.

Mal abgesehen davon, dass ein Politiker für weit weniger invasive Außenpolitik zwanzig Jahre vorher das Risiko in Kauf nehmen musste, ein paar linksextreme Kugeln abzubekommen, ist der Protest doch totgekuschelt. Mit der Etablierung linksprogressiver Regierungen in Europa bekommt die Welt nun das liebe Gesicht des Kapitalismus zugewandt, Arbeitslosigkeit ist schlimm, aber wir arbeiten daran. Bildung ist teuer und tut weh, aber wir pusten ganz dolle und morgen gibt’s was süßes. Alles wird gut, Papa baut. Supi.

Irgendwo hat sich, von den Jahren der Blockkämpfe verdeckt und wenn doch nicht dann häufig fehlgedeutet und verschlimmbessert, ein Programmfehler ins Betriebssystem der Welt geschlichen.

Gerade den ehemaligen Frontstaat BRD erwischt die Festplattenformatierung ohne Backup. Denn hier wurde die Schlacht um die Neue Weltordnung erbittert geschlagen. Und unverhofft gewonnen. Allerdings ohne darauf vorbereitet gewesen zu sein und kaum war der Krieg vorbei, gings abwärts. Es wurde hässlich. Da man nun keinem Feindesland mehr die Verlockungen der Systemflucht vorgaukeln werden musste, konnte man die Sonderbehandlung des alten Sorgenkindes auch nicht mehr rechtfertigen. Mit der Aufkündigung der Sozialen Marktwirtschaft sind auch hier alle mühsam in den Schlaf gesungenen oder gesoffenen abrupt geweckt und aufgeschreckt. Tarnen, täuschen und verteufeln funktioniert nicht mehr. Die Schonfrist ist vorbei. Der mit fremden Krediten und einer mit Ausblick auf den Dritten Weltkrieg ausgerichteten asozialen Fehlfinanzierung ausgestattete Musterschüler bleibt sitzen und versteht die Welt nicht mehr. Willkommen in der Wirklichkeit.

 

-2-

Also was jetzt? Protest?

Selbst die müden HartzIV-Demonstrationen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Deutschland vor allem ein Typus technicus immer noch sein Unwesen treibt: Der eindimensionale Untertan. Das Problem mit diesem Sonderfall menschlicher Existenz ist nur, dass ihm seine natürlichen Feinde abhanden gekommen sind. War es früher für intelligente Menschen nachgerade zwingend und zwangsläufig, sich als kritisch und autonom zu fühlen und zu definieren, macht man sich heute verdächtig. Emanzipation ist EMMA und deswegen egal. Egalitär. Das Bedürfnis des Kleinbürgers, alles und jeden auf sein Niveau, das Mittelmaß, notfalls mit Gewalt herabzustufen, ist einmal als protofaschistische Grundhaltung gebrandmarkt worden. Früher mal.

Gegen dieses Monopol ist schwer anzustinken. Wer will sich schon den Nutzen von IKEA verbieten lassen, oder die Illusion von Bio-Produkten im Discounterregal. Die Lüge, das alles von jedem erreichbar sei, dass du heute ein Arsch bist und morgen der Held, verfängt wie die Leimrute. Du klebst dran, sobald du angefixt bist.

Mit der Einsicht ins Unausweichliche beginnt die Einordnung ins System, an der auch „in Tyler we trust“ an der Scheißhaustür des Großraumbüros nichts mehr ändert. Im Gegenteil. Die Maschine verleibt sich die Pseudofluchten ein und verkauft, verbucht sie als Marketing, idea!, im guerilla-shop. Wenn überhaupt. Denn das ist es ja. Oder?

 

-3-

Diese Subversion funktioniert wie so oft erst mal nur in Szene, Avantgarde, underground. Diese irregulären Kräfte durchkreuzen und modifizieren in chaotischer Weise den Bedeutungskontext der wechselseitigen Ausbeutung aller durch jeden mit ihren schieren Marktwert. Dieser irrsinnige Fehler, der Marx und seinesgleichen unterlief, ist die absurde Identifikation ihrer bürgerlich-bohemen Idealkonstruktionen mit den realen Wunschkontexten irgendeiner Unterschicht. Denn eines sollte doch klar sein. Die Paarung intelligent und subversiv plus Armut und Unterdrückung ist der Stoff literarisch künstlerischer Heldenepen, aber nicht der soziologische Regelfall der statistisch erfassten Realität. Damit sollte man sich abfinden, es zur Kenntnis nehmen.

Bei allem Verdruss ist damit aber die Paradoxie erstaunlich inhaltsleer geworden.

Natürlich verschärft die raue Gangart den Diskurs. Das lässt sich doch gar nicht abstreiten. Nur ist die Zielsetzung eines Protestes immer von der Binnenwahrnehmung der Protestierenden gesteuert. Und mit dem Scheitern kommt die Erkenntnis, dass einem keine Möglichkeit bleibt, als weiter, weiter, weiter.

Schließlich ist mit der Realität der Globalisierung der Weg des Aussteigens keiner mehr der Bedürfnisminimierung, sondern einer der Kastration. Auf der Straße leben geht auch hier. Stellt sich nun die Frage, ob es das wirklich sein soll. Oder jemals war. Selbstgewählte Armut ist etwas für Heilige. Für die Masse endet das häufig im Desaster oder auf killing fields oder in Fußballstadien. Man sollte es daher jedem selbst überlassen, ob er tatsächlich mit einem dollar am Tag auskommen will oder nicht.

 

-4-

Der kreative Umgang mit sich selbst und der Umwelt ist ein Zugang zu wirkungsmächtigen Formen der Kritik. Aber er ist nicht der ausgemachte Weg zur Glückseligkeit. Die us-amerikanische HipHop-community beweist tagtäglich, dass Arschloch = subversiv nicht gerade zwingende Gültigkeit vorweisen kann. Die Geschichte der SEX PISTOLS übrigens auch nicht. Deswegen sollte sich langsam mal eine realistische Selbstbetrachtung und Standortbestimmung in unseren intellektuellen Milieus durchsetzten. Die mit einer eindeutigen Frage beginnt:

Was will ich und warum?

-4a-

Die materielle Selbstbeschneidung ist gerade unter progressiv-emanzipatorischen Kreisen eine beliebte Geisteshaltung.

Seht her, ich bin der konsumkritische Hausbesetzer. Seltsam.

Gerade die Verfügungsgewalt über materielle Güter lässt sich doch als Inbegriff persönlicher Freiheit begreifen. Damit beschneiden sich gerade die Kräfte, die häufig für gesellschaftliche Mitbestimmung und basisdemokratische Grundprinzipien eintreten, ihre ohnehin begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten. Und das ohne Not, aus falschverstandenem Rigorismus.

Um nicht falsch verstanden zu werden. Es geht nicht um goldene Wasserhähne oder swimming pools, Privatjets oder Fuhrparks. Es geht ums Prinzip.

Ist denn nicht eine gewisse Bedürfnisbefriedigung und Bedürfnisbeschaffung Grundlage unserer Kultur, die uns von reinen Naturwesen gerade abhebt? Die Wiederherstellung eines paradiesischen Naturzustandes kann nicht als Zielsetzung eines in globaler Gesellschaft verorteten Protestes verstanden werden. Es kann also nur ein Handeln in bestehenden Strukturen und Relationen sein, dass diese sukzessiv und prozessiv verändert. Dabei sind gerade Vielfältigkeiten als kulturelle Diversion unter dem Gesichtspunkt der Handlungsorientierung durchaus zu verteidigen.

Eigentum verpflichtet. Wer hindert also Besitzende daran, ihren Besitz altruistisch einzusetzen, und gleichzeitig an ihm zu partizipieren?

Ist es nicht sinnvoller, Eigentum und materiellen Wohlstand selbst anzustreben, als diese Möglichkeiten einfach brach liegen zu lassen? Für die Arschlöcher, die ihn dann widerstandslos einsammeln können?

 

-5-

Protest kann, gerade in Verbindung mit medialer Darstellung und Verbreitung, Widersprüche deutlich machen und Fehlentwicklungen offen legen. Er legt den Finger in die Wunde. Er verdeutlicht Missstände und erhebt Anspruch auf alternative Deutungsmuster, gerade in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Er stellt sich dem Diskurs. Er fragt nach, fordert Rechtfertigungen für vorgebliche Selbstverständlichkeiten und übt Kritik. Die alltäglichen Verblendungszusammenhänge und Gewaltandrohungen können nicht verhindern, dass alternative Konzepte von Aneignung und Nutzung weiterhin erstellt und propagiert werden. Dabei bleibt zu hoffen, dass sich der organisierte Aktionismus langsam die Frage stellt, ob nicht die Diskussion mit Vertretern theoretischer Konzepte die Handlungsentwürfe für zukünftige Projekte, gerade im kulturellen Rahmen, fruchtbar erweitern könnte. Historisch gesehen fällt puristischer Radikalismus seinen Vertretern gewöhnlich dann auf die Füße, wenn er sein kritisches Potential in kurzfristigen Projekten verschleißt, ohne sich über Metaziele und großformatige Handlungsräume im Klaren zu sein. Häufig wurde das gesellschaftliche Potential dieser sozialen Bewegungen den Partikularinteressen Einzelner geopfert, bis die Verhältnisse wieder den ursprünglichen glichen. Hier soll kein Kritizismus vertreten werden. Aber ohne eine klare Analyse der eigenen Motive und Ziele verhungern nicht-spontane protestive Bewegungen oder zerfleischen sich selbst bis zur Bedeutungslosigkeit.

Dabei soll keineswegs irgendeine Form von Deutungshoheit oder gar Vorrangstellung von Seiten einer wie auch immer gearteten Theorie postuliert werden. Der Protest sollte sich vielleicht nur gelegentlich an das Potential erinnern, das ihm von anderer Seite zur Verfügung steht.

Leute, geht auf die Straße!

Sie gehört euch!

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